Warum gibt es so viele verschiedene Übersetzungen der Bibel?
Die Vielfalt der Bibelübersetzungen lässt sich im Wesentlichen auf drei Faktoren zurückführen: die Natur der antiken Sprachen, die unterschiedlichen Übersetzungsphilosophien und den ständigen Wandel unserer eigenen Sprache.
1. Die Herausforderung des Grundtexts
Die biblischen Schriften wurden ursprünglich nicht auf Deutsch verfasst, sondern in Hebräisch, Aramäisch und Altgriechisch. Wenn Übersetzer heute arbeiten, greifen sie auf den sogenannten Grundtext zurück – eine wissenschaftlich rekonstruierte Fassung der antiken Handschriften.
Antike Sprachen funktionieren jedoch völlig anders als modernes Deutsch. Oft hat ein einziges Wort im Grundtext viele verschiedene Bedeutungsebenen. Ein klassisches Beispiel ist das griechische Wort pneuma, das je nach Kontext „Wind“, „Atem“ oder „Geist“ bedeuten kann (wie in Johannes 3,8). Übersetzer müssen sich an solchen Stellen für eine Nuance entscheiden, wodurch automatisch eine Interpretation stattfindet.
2. Die Übersetzungsphilosophie: Wort oder Sinn?
Übersetzungsteams verfolgen unterschiedliche Ziele. Man unterscheidet heute hauptsächlich drei Ansätze:
- Formtreue (wortgetreue) Übersetzungen: Diese versuchen, so nah wie möglich an der Struktur und dem Wortlaut des Grundtexts zu bleiben. Satzbau und Redewendungen werden fast eins zu eins ins Deutsche übertragen. Beispiele hierfür sind die Elberfelder Bibel oder die Zürcher Bibel. Der Vorteil ist eine hohe theologische Präzision; der Nachteil ist, dass die Texte oft sperrig und schwer lesbar sind.
- Wirkungstreue (kommunikative) Übersetzungen: Hier steht die Verständlichkeit im Vordergrund. Das Ziel ist, dass der moderne Leser dieselbe Wirkung verspürt wie der antike Leser. Redewendungen werden sinngemäß übertragen. Beispiele sind die Gute Nachricht Bibel oder die Hoffnung für alle. Diese Texte fließen gut, interpretieren den Grundtext aber auch deutlicher vor.
- Vermittelnde Übersetzungen: Sie versuchen den Spagat zwischen sprachlicher Schönheit, Verständlichkeit und Texttreue. Die bekanntesten Vertreter im deutschen Raum sind die Lutherbibel (in ihrer revidierten Fassung von 2017) und die katholisch-ökumenische Einheitsübersetzung.
3. Sprachentwicklung und neue Erkenntnisse
Sprache lebt und verändert sich. Wörter, die vor 100 Jahren verständlich waren, haben heute oft eine andere Bedeutung oder sind völlig aus dem Alltag verschwunden. Bibelübersetzungen müssen daher regelmäßig überarbeitet werden, um für neue Generationen verständlich zu bleiben.
Zudem macht die historische Forschung und die Archäologie ständig Fortschritte. Seit dem Fund der Schriftrollen von Qumran im Jahr 1947 und durch die kontinuierliche Arbeit der Textkritik (wie sie etwa im Novum Testamentum Graece von Nestle-Aland dokumentiert wird) verstehen wir den hebräischen und griechischen Grundtext heute präziser als die Übersetzer im 16. Jahrhundert.
Es gibt also nicht die eine „perfekte“ Bibelübersetzung. Jede Übersetzung ist ein Werkzeug für einen bestimmten Zweck: Die eine eignet sich besser für das genaue Studium einzelner Begriffe, die andere für das flüssige Lesen im Alltag.