Ein Grundsatz, den die Intellektuellen von heute am leidenschaftlichsten verbreiten, ist der vulgäre Relativismus. Für sie steht fest, dass es keine Wahrheit gibt, nur Meinung: meine Meinung, deine Meinung. Sie geben die Verteidigung des Verstandes preis; und wer das Feld des Verstandes räumt, ebnet den Weg zum Faschismus. Totalitarismus ist der Wille zur Macht, den keine Rücksicht auf Wahrheit mehr bändigt. Den Anspruch der Wahrheit auf den Menschen preiszugeben heißt, die Erde den Schlägern zu überlassen. Der vulgäre Relativismus ist ein unsichtbares Gas, geruchlos und tödlich, das heute jede freie Gesellschaft auf Erden vergiftet. Es ist ein Gas, das das Zentralnervensystem des sittlichen Strebens angreift. ‚So etwas wie Wahrheit gibt es nicht', lehren sie schon die Kleinsten. ‚Wahrheit ist Knechtschaft. Glaube, was dir richtig erscheint. Es gibt so viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt. Folge deinen Gefühlen. Tu, was dir gefällt. Komm mit dir selbst in Kontakt.' Wer so redet, baut das Gefängnis des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Er tut das Werk der Tyrannen.
— Michael Novak (1933–2017), Theologe, Philosoph, Autor und Diplomat
Themen: Freiheit & Wahrheit, Ethische Fragen, Weisheit & Erkenntnis
Anlässe: Zum Nachdenken
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