Warum gibt es so viele verschiedene deutsche Bibelübersetzungen?

Die Vielfalt an deutschen Bibelübersetzungen liegt daran, dass jede Übersetzung einen anderen Kompromiss zwischen Worttreue (nahe am griechischen oder hebräischen Grundtext) und Verständlichkeit (nahe an modernem Deutsch) eingeht. Da Sprachen sich ständig verändern und der antike Kontext weit von unserer heutigen Lebenswelt entfernt ist, gibt es nicht die eine „perfekte“ Übersetzung, sondern verschiedene Werkzeuge für unterschiedliche Zwecke.

Das Grundproblem: Die Kluft der Sprachen

Die biblischen Schriften wurden im hebräischen, aramäischen und griechischen Grundtext verfasst. Keine zwei Sprachen lassen sich eins zu eins ineinander übersetzen. Ein markantes Beispiel ist das griechische Wort charis, das im Neuen Testament oft mit „Gnade“ übersetzt wird, im antiken Alltag aber auch „Gunst“, „Dank“ oder „Schönheit“ bedeuten konnte. Übersetzer müssen entscheiden, welche Nuance im jeweiligen Kontext (wie in Epheser 2,8) am besten passt.

Zudem unterscheidet sich die Satzstruktur im Grundtext stark vom Deutschen. Werden Wörter starr in ihrer ursprünglichen Reihenfolge übersetzt, entstehen oft unverständliche Sätze. Wird dagegen zu frei übersetzt, geht die sprachliche Eigenart des Originals verloren.

Die drei Haupttypen von Übersetzungen

Um die Vielfalt zu ordnen, lassen sich deutsche Bibeln grob in drei Kategorien einteilen:

  1. Strukturtreue (philologische) Übersetzungen:

Diese Bibeln versuchen, so nah wie möglich an der Struktur und den Begriffen des Grundtextes zu bleiben. Sie eignen sich hervorragend für das intensive Studium, sind aber oft schwerer lesbar.

  1. Sinngetreue (kommunikative) Übersetzungen:

Hier steht die flüssige Lesbarkeit im Vordergrund. Der Sinn eines Satzes wird im heutigen Deutsch so ausgedrückt, wie wir es natürlich sagen würden, ohne den Inhalt zu verfälschen.

  1. Übertragungen (dynamisch-kommunikative Bibeln):

Diese Bibeln formulieren den Text sehr frei und zeitgemäß. Sie wollen die emotionale Wirkung erzielen, die der Text damals auf die Erstleser hatte. Sie eignen sich gut zum Einstieg, weichen aber teilweise stark vom Wortlaut des Grundtextes ab.

Historische Entwicklung und theologische Perspektiven

Seit Martin Luthers bahnbrechender Übersetzung von 1534 hat sich die deutsche Sprache massiv weiterentwickelt. Worte verändern ihre Bedeutung: Das lutherische „Sintflut“ geht eigentlich auf das mittelhochdeutsche sin-vluot („große, andauernde Flut“) zurück, wird heute aber meist fälschlicherweise mit „Sünde“ assoziiert.

Zudem hat die Textforschung (Textkritik) im 19. und 20. Jahrhundert, unter anderem durch Funde wie die Qumran-Rollen 1947, wesentlich ältere und zuverlässigere Handschriften des Grundtextes zugänglich gemacht. Moderne Übersetzungen basieren auf diesen wissenschaftlich gesicherten Textrekonstruktionen, während ältere Übersetzungen oft auf späteren, fehleranfälligeren Abschriften beruhten.

Für den Alltag empfiehlt es sich, verschiedene Übersetzungen parallel zu nutzen. Eine strukturtreue Bibel hilft, den genauen Wortlaut zu erforschen, während eine moderne Übertragung den Text lebendig und verständlich nahebringt.

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