Was mache ich, wenn ich einen Bibeltext nicht verstehe?

Es ist völlig normal, beim Lesen der Bibel auf Abschnitte zu stoßen, die unverständlich, fremd oder sogar widersprüchlich wirken. Die Bibel ist kein modernes Buch, das in unserer Kultur geschrieben wurde, sondern eine Sammlung antiker Schriften, die über einen Zeitraum von mehr als tausend Jahren in verschiedenen Sprachen und Kulturen entstanden sind. Schon in biblischer Zeit ging es Menschen so: Im Neuen Testament fragt der Evangelist Philippus einen Reisenden, ob er versteht, was er liest, und dieser antwortet: „Wie kann ich es, wenn mich nicht jemand anleitet?“ (Apostelgeschichte 8,30-31). Selbst der Apostel Petrus räumte ein, dass manche Briefe des Paulus schwer zu verstehen sind (2. Petrus 3,16).

Wenn du an einer Stelle feststeckst, können dir die folgenden fünf Schritte helfen, den Text besser zu erschließen:

1. Lies den Text im größeren Zusammenhang (Kontext)

Ein einzelner Vers kann schnell missverstanden werden, wenn er aus dem Zusammenhang gerissen wird. Lies mindestens das ganze Kapitel, besser noch das gesamte Buch, um zu verstehen, worum es geht. Frage dich: Wer spricht hier zu wem? Was passierte direkt davor und danach?

2. Vergleiche verschiedene Bibelübersetzungen

Da die Bibel im Grundtext auf Hebräisch, Aramäisch und Griechisch verfasst wurde, ist jede deutsche Bibel das Ergebnis einer Übersetzung. Übersetzer müssen sich oft entscheiden, ob sie wortgetreu oder sinngemäß übersetzen.

Wenn du eine schwierige Stelle in zwei oder drei verschiedenen Übersetzungen nebeneinander liest, erschließt sich der Sinn oft fast von selbst.

3. Nutze den historischen und kulturellen Hintergrund

Viele Texte werden erst verständlich, wenn man die damalige Lebenswelt versteht. Die Kultur des Alten Orients oder der griechisch-römischen Antike unterscheidet sich drastisch von unserer heutigen Welt. Hilfreich sind hierbei eine gute Studienbibel (die Erklärungen am Seitenrand bietet) oder ein verlässlicher Bibelkommentar. Neutestamentler wie Gordon Fee und Douglas Stuart betonen in ihrem Standardwerk Effektives Bibelstudium (Fee/Stuart, How to Read the Bible for All Its Worth, 1981), dass der erste Schritt der Auslegung immer darin besteht, herauszufinden, was der Text für die ursprünglichen Empfänger bedeutete.

4. Lies die Bibel mit der „Jesus-Brille“

Für den christlichen Glauben ist Jesus Christus der Schlüssel zum Verständnis der gesamten Schrift. Wenn du eine Passage – besonders im Alten Testament – nicht verstehst oder sie dir grausam erscheint, frage dich: Wie passt das zu dem, was wir durch Jesus über Gottes Charakter und seine Liebe wissen? Jesus selbst hat gezeigt, dass die Gebote immer auf die Liebe zu Gott und den Mitmenschen abzielen sollen (Matthäus 22,37-40).

5. Lass Fragen auch einmal offen stehen

Du musst nicht sofort auf alles eine Antwort haben. Der Glaube darf wachsen, und das Nachdenken über schwierige Fragen gehört dazu. Manchmal hilft es, sich Notizen zu machen, mit anderen in einer Kirchengemeinde oder einem Hauskreis darüber zu sprechen oder den Text für eine Weile beiseitelegen und später mit neuem Abstand darauf zurückzukommen.

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