Was sind die Psalmen und wie bete ich sie?
Die Psalmen sind eine Sammlung von 150 hebräischen Liedern, Gebeten und Gedichten im Alten Testament, die über Jahrhunderte hinweg entstanden sind und als das „Gesang- und Gebetbuch“ des antiken Israel dienten. Im hebräischen Grundtext heißt dieses Buch Tehillim, was schlicht „Loblieder“ bedeutet, während das deutsche Wort „Psalm“ auf das griechische psalmos zurückgeht – ein Lied, das zur Harfe oder einem anderen Saiteninstrument gesungen wird.
Diese Texte decken das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen ab: von tiefer Verzweiflung und brennendem Zorn bis hin zu überschäumender Freude und tiefer Dankbarkeit. Weil sie so ehrlich sind, eignen sie sich hervorragend, um das eigene Gebetsleben zu bereichern, besonders wenn einem selbst die Worte fehlen.
Die verschiedenen Arten von Psalmen
Um die Psalmen besser zu verstehen, hilft es, sie in drei grobe Kategorien einzuteilen:
- Klagepsalmen (z. B. Psalm 13, Psalm 22): Sie machen fast ein Drittel des Psalters aus. Hier bringen Menschen ihren Schmerz, ihre Zweifel und sogar ihre Enttäuschung über Gott ungefiltert zum Ausdruck. Das Besondere: Fast jeder Klagepsalm mündet am Ende in ein neues Vertrauen auf Gott.
- Dank- und Lobpsalmen (z. B. Psalm 100, Psalm 150): Diese Lieder feiern Gottes Charakter, seine Schöpfung und sein rettendes Handeln in der Geschichte.
- Weisheitspsalmen (z. B. Psalm 1, Psalm 119): Sie reflektieren über ein gelingendes Leben im Einklang mit Gottes Weisungen.
Wie man die Psalmen beten kann: Eine praktische Anleitung
Die Psalmen wurden nicht nur geschrieben, um gelesen, sondern um gesprochen und erlebt zu werden. Wenn du neu damit beginnst, kannst du folgende Schritte ausprobieren:
1. Den passenden Psalm für die eigene Lebenslage wählen
Du musst die Psalmen nicht chronologisch lesen. Wähle einen Psalm, der deiner aktuellen Stimmung entspricht. Wenn du Angst hast oder Schutz suchst, ist Psalm 23 oder Psalm 91 ein guter Startpunkt. Wenn du dich schuldig fühlst und einen Neuanfang brauchst, bietet sich Psalm 51 an. Wenn du einfach danken willst, lies Psalm 103.
2. Langsam und laut lesen
Die hebräische Poesie im Grundtext lebte von Rhythmus und Klang. Lies den Psalm langsam und am besten laut vor dich hin. Lass die Worte im Raum stehen. Achte darauf, welche Verse oder Begriffe dich besonders ansprechen oder herausfordern.
3. Den Psalm zu deinem eigenen Gebet machen
Du kannst die Worte des Psalms direkt als deine eigenen Worte an Gott richten. Wenn im Psalm steht: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ (Psalm 23,1), dann sprich das als dein persönliches Vertrauensbekenntnis aus. Wo der Psalmist klagt, darfst du deinen eigenen Schmerz hineinlegen.
4. Das „Umschreiben“ (Paraphrasieren)
Nimm dir ein Blatt Papier oder ein Notizbuch und schreibe einen Psalm mit deinen eigenen Worten neu auf. Ersetze alte Begriffe durch Ausdrücke aus deinem Alltag. So wird aus einem antiken Text ein ganz persönlicher Brief an Gott.
Die Psalmen mit Jesus beten
Für Christen haben die Psalmen noch eine tiefere Dimension. Jesus selbst ist mit diesen Texten aufgewachsen, hat sie gebetet und am Kreuz sogar aus ihnen zitiert (vgl. Matthäus 27,46 und Psalm 22,2). Der Theologe Dietrich Bonhoeffer betonte in seiner Schrift Das Gebetbuch der Bibel (1940), dass wir die Psalmen immer gemeinsam mit Jesus beten: Er betet sie in uns, und wir beten sie durch ihn. Wenn wir also einen Psalm beten, stimmen wir in ein weltweites und jahrtausendealtes Gebet der Gemeinschaft der Glaubenden ein.