Wer hat die Bibel eigentlich geschrieben und wann?
Die Bibel ist kein einzelnes Buch, sondern eine vielschichtige Bibliothek aus 66 Einzelschriften (in protestantischen Ausgaben; katholische und orthodoxe Bibeln enthalten zusätzliche Spätschriften des Alten Testaments), die von etwa 40 verschiedenen Autoren über einen Zeitraum von rund 1500 Jahren geschrieben wurden. Die Entstehung erstreckt sich etwa vom 12. Jahrhundert v. Chr. bis zum Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr.
Wer schrieb die Bibel?
Die menschlichen Autoren der Bibel kamen aus völlig unterschiedlichen Lebenswelten. Unter ihnen waren Könige wie David und Salomo, Gelehrte wie Paulus, einfache Fischer wie Petrus, Zollbeamte wie Matthäus und Propheten wie Amos, der eigentlich Schafzüchter war.
In der jüdischen und christlichen Tradition unterscheidet man zwei Dimensionen der Autorschaft:
- Die menschlichen Autoren: Sie schrieben in ihrer jeweiligen Epoche, nutzten ihre eigene Sprache, ihren persönlichen Stil und bezogen sich auf aktuelle historische Ereignisse.
- Die göttliche Inspiration: Aus theologischer Sicht ist Gott der eigentliche Initiator der Texte. Wie es im Neuen Testament in 2. Timotheus 3,16 heißt, ist die Schrift „von Gott eingegeben“ (griechisch theopneustos, wörtlich „gottgehaucht“). Dies bedeutet nach klassischem Verständnis nicht, dass die Autoren mechanisch diktierte Worte aufschrieben, sondern dass Gott durch ihren Verstand, ihre Kultur und ihre Persönlichkeit hindurch sprach (vgl. 2. Petrus 1,21).
Viele Bücher der Bibel sind zudem das Ergebnis von Redaktionsprozessen. Alttestamentliche Gelehrte wie Julius Wellhausen oder in der moderneren Forschung Erhard Blum haben gezeigt, dass historische Berichte und Gesetzestexte oft über Generationen mündlich überliefert, gesammelt und später von Schreiberschulen kunstvoll zusammengefügt wurden.
Wann entstand das Alte Testament (Hebräische Bibel)?
Die Schriften des Alten Testaments entstanden im Zeitraum von ca. 1200 v. Chr. bis 165 v. Chr. Sie wurden fast vollständig im hebräischen Grundtext verfasst, mit einigen wenigen Abschnitten auf Aramäisch (z. B. in Daniel 2 bis Daniel 7).
- Frühe mündliche Traditionen und Lieder: Zu den ältesten Teilen gehören Lieder wie das Deboralied (Richter 5), die bis ins 12. Jahrhundert v. Chr. zurückreichen könnten.
- Die Königszeit (ca. 1000–586 v. Chr.): Unter den Königen David und Salomo begann eine intensive literarische Aktivität. Erste Geschichtswerke und prophetische Texte wurden schriftlich fixiert.
- Das babylonische Exil (586–538 v. Chr.): Diese Epoche war der Katalysator für die Entstehung des Alten Testaments. Nach dem Verlust des Tempels und der Heimat schrieben jüdische Gelehrte ihre Geschichte und die Tora (die fünf Bücher Mose) systematisch auf, um ihre Identität zu bewahren.
- Die nachexilische Zeit (bis ca. 165 v. Chr.): Die letzten Schriften des Alten Testaments, wie das Buch Daniel, entstanden in der Zeit der hellenistischen Fremdherrschaft.
Wann entstand das Neue Testament?
Das Neue Testament entstand in einer vergleichsweise kurzen Spanne von nur etwa 50 bis 60 Jahren in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Der griechische Grundtext (Koine-Griechisch) war damals die Weltsprache im östlichen Mittelmeerraum.
- Die Briefe von Paulus (ca. 50–64 n. Chr.): Die ältesten erhaltenen Schriften des Neuen Testaments sind nicht die Evangelien, sondern die Briefe des Apostels Paulus. Sein erster Brief an die Thessalonicher (1. Thessalonicher 1) entstand vermutlich um 50 n. Chr.
- Die Evangelien (ca. 65–95 n. Chr.): Das Markusevangelium gilt in der neutestamentlichen Forschung (begründet u. a. durch die Zweiquellentheorie von Heinrich Julius Holtzmann) als das älteste Evangelium, geschrieben um 65–70 n. Chr. Es folgten Matthäus und Lukas (ca. 80–90 n. Chr.), die neben Markus eine gemeinsame Logienquelle (Q) nutzten. Das Johannesevangelium bildet den Abschluss um etwa 90–100 n. Chr.
- Die späten Briefe und die Offenbarung (bis ca. 100 n. Chr.): Schriften wie die Johannesbriefe und die Offenbarung des Johannes (Offenbarung 1) entstanden gegen Ende des 1. Jahrhunderts unter der Herrschaft des römischen Kaisers Domitian.
Die Entstehung der Bibel zeigt, dass Glaube und Geschichte untrennbar miteinander verwoben sind. Die Texte sind keine zeitlosen Traktate, sondern mitten im konkreten, oft staubigen Alltag realer Menschen entstanden, die ihre Erfahrungen mit Gott für nachfolgende Generationen festhalten wollten.