Wo finde ich die zehn Gebote in der Bibel?
Die Zehn Gebote stehen an zwei verschiedenen Stellen im Alten Testament der Bibel: in 2. Mose 20,2-17 (2. Buch Mose) und in 5. Mose 5,6-21 (5. Buch Mose).
Obwohl der Inhalt im Wesentlichen derselbe ist, unterscheiden sich die beiden Fassungen in einigen Details, was auf ihre jeweilige theologische und historische Einbettung zurückzuführen ist.
Die beiden Fassungen im Vergleich
- Exodus 20: Diese Fassung ist eingebettet in die Erzählung am Berg Sinai direkt nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten. Hier wird die Sabbatruhe in 2. Mose 20,11 mit der Schöpfung begründet: Gott ruhte am siebten Tag, nachdem er die Welt erschaffen hatte.
- Deuteronomium 5: Diese Fassung ist Teil der Abschiedsrede von Mose an das Volk Israel, kurz vor dem Einzug in das verheißene Land. In 5. Mose 5,15 wird das Sabbatgebot sozialgeschichtlich und befreiungstheologisch begründet: Die Israeliten sollen ruhen, weil sie selbst Sklaven in Ägypten waren und Gott sie befreit hat. Hier steht der Schutz der Angestellten und Tiere im Vordergrund.
Im hebräischen Grundtext werden diese Gebote übrigens nicht als „Gesetze“ bezeichnet, sondern als „Asseret ha-Devarim“ (עֲשֶׂרֶת הַדְּבָרִים), was wörtlich übersetzt „die zehn Worte“ bedeutet. Daher stammt auch der theologische Begriff „Dekalog“ (griechisch dekapolos).
Unterschiedliche Zählweisen in den Konfessionen
Interessanterweise zählen die verschiedenen christlichen Konfessionen und das Judentum die Gebote nicht einheitlich, da der biblische Grundtext keine Nummerierung von 1 bis 10 vorgibt:
- Reformierte Kirchen, Freikirchen und die Orthodoxie: Sie trennen das Verbot von fremden Göttern (1. Gebot) streng vom Verbot von Gottesbildern (2. Gebot). Dafür fassen sie das Begehren von Haus und Frau des Nächsten am Ende als ein einziges Gebot zusammen.
- Katholische und Lutherische Kirche: Sie folgen einer Tradition, die auf den Kirchenvater Augustinus zurückgeht (Augustinus, Quaestiones in Heptateuchum, II.71, ca. 420 n. Chr.). Hier wird das Bilderverbot dem ersten Gebot zugeschlagen. Um auf die Zahl Zehn zu kommen, wird das Verbot des Begehrens am Ende aufgeteilt: Das Begehren der Frau des Nächsten ist das 9. Gebot, das Begehren seines Eigentums das 10. Gebot.
- Jüdische Tradition: Hier gilt bereits die Selbstvorstellung Gottes („Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland geführt habe...“) in 2. Mose 20,2 als das erste „Wort“.
Bedeutung für heute
In der christlichen Ethik werden die Zehn Gebote traditionell in zwei Tafeln unterteilt: Die ersten Gebote regeln die Beziehung des Menschen zu Gott (Vertikalachse), die restlichen Gebote regeln das soziale Zusammenleben der Menschen untereinander (Horizontalachse). Jesus fasst diese Dynamik im Doppelgebot der Liebe in Matthäus 22,37-40 zusammen: Gott lieben von ganzem Herzen und den Nächsten wie sich selbst.