Wie betet man mit der Lectio Divina Schritt für Schritt?
Die Lectio Divina (lateinisch für „göttliche Lesung“) ist eine jahrhundertealte, meditative Art der Bibellese, bei der es nicht um das schnelle Erfassen von Informationen geht, sondern um die persönliche Begegnung mit Gott durch sein Wort. Diese methodische Form des betenden Lesens wurde im 12. Jahrhundert durch den Kartäusermönch Guigo II. in seinem Werk Die Leiter der Mönche systematisiert (Guigo II., Scala Claustralium, ca. 1181). Sie gliedert sich traditionell in vier klassische Schritte, die durch einen vorbereitenden und einen nachbereitenden Schritt ergänzt werden können.
Vorbereitung: Die Stille suchen (Silere)
Bevor du mit dem Lesen beginnst, suche dir einen ruhigen Ort und nimm dir einen Moment Zeit, um innerlich zur Ruhe zu kommen. Atme tief durch und bitte den Heiligen Geist, durch den Text zu dir zu sprechen. Wähle einen kurzen Bibelabschnitt aus – besonders eignen sich die Psalmen (z. B. Psalm 23) oder ein Abschnitt aus den Evangelien.
1. Schritt: Lesen (Lectio)
Lies den ausgewählten Bibeltext langsam, aufmerksam und laut vor. Es geht hier noch nicht um theologische Analyse, sondern darum, den Text ganz in dich aufzunehmen.
- Praxis: Lies den Text ruhig ein zweites oder drittes Mal. Achte darauf, welches Wort, welcher Halbsatz oder welches Bild dich besonders anspricht, hängen bleibt oder einen Widerhall in dir findet.
2. Schritt: Sinnen (Meditatio)
Nimm das Wort oder den Satz, der dich angesprochen hat, und bewege ihn in deinem Herzen und Verstand.
- Hintergrund: Im hebräischen Grundtext des Alten Testaments wird das Meditieren oft mit dem Wort hagah beschrieben, was so viel bedeutet wie „murmeln“, „flüstern“ oder „wiederkäuen“ (siehe Psalm 1,2).
- Praxis: Wiederhole das Wort immer wieder im Stillen. Frage dich: Warum spricht mich genau dieses Wort heute an? Was hat es mit meiner aktuellen Lebenssituation, meinen Sorgen oder meiner Freude zu tun? Lass den Text dein eigenes Leben beleuchten.
3. Schritt: Antworten (Oratio)
Nun bringst du das, was sich in der Meditation in dir bewegt hat, im Gebet vor Gott. Das Lesen wird zum echten Dialog.
- Praxis: Sprich ganz ehrlich mit Gott. Das kann ein Gebet des Dankes, der Klage, der Bitte um Vergebung oder der Bitte um Führung sein. Nutze deine eigenen, einfachen Worte. Wenn dich ein Text wie Römer 8,31-39 bewegt hat, antworte Gott direkt darauf.
4. Schritt: Ruhen (Contemplatio)
Im letzten Schritt lässt du alle eigenen Worte und Gedanken los. Du ruhst einfach in der Gegenwart Gottes und überlässt ihm das Wirken.
- Praxis: Setze dich der Liebe Gottes aus, ohne etwas leisten zu müssen. Es ist ein Zustand des schweigenden Verweilens und des Empfangens. Vergleiche dies mit dem Bild in Psalm 131,2 – wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter, so kommt die Seele bei Gott zur Ruhe.
Der Weg in den Alltag (Actio)
Viele geistliche Begleiter fügen heute einen fünften Schritt hinzu: die Actio (das Handeln). Nimm den Impuls, den du in der Stille empfangen hast, mit in deinen Tag. Wie verändert das gehörte Wort heute deinen Umgang mit deinen Mitmenschen oder deine Perspektive auf deine Aufgaben? So wird das Wort lebendig und wirksam (vgl. Hebräer 4,12).