Wie hilft mir das regelmäßige Feiern des Abendmahls bei meiner geistlichen Erneuerung?
Das regelmäßige Feiern des Abendmahls erneuert das geistliche Leben, indem es uns physisch und gemeinschaftlich mit dem Kreuzestod und der Auferstehung Jesu Christi verbindet, uns seiner Gnade vergewissert und uns für den Alltag ausrichtet. Es ist nicht nur ein rituelles Pflichtprogramm, sondern ein von Jesus selbst eingesetztes Mittel, durch das Glaube erfahrbar und spürbar wird.
Das biblische Prinzip des Vergegenwärtigens (Anamnesis)
Im griechischen Grundtext der Einsetzungsworte, wie wir sie in Lukas 22,19 und 1. Korinther 11,24 finden, nutzt Jesus das Wort anamnēsis („Tut dies zu meinem Gedächtnis“). Im biblischen Denken bedeutet Gedenken weit mehr als das bloße kognitive Erinnern an ein historisches Ereignis. Es handelt sich um ein vergegenwärtigendes Gedenken: Das damals geschehene Heilswerk Christi wird in der Feier für die Gegenwart wirksam und erfahrbar gemacht.
Indem wir regelmäßig Brot und Wein empfangen, treten wir aus dem linearen Zeitstrom heraus und stellen uns unter das Kreuz und an den Tisch des auferstandenen Herrn. Diese regelmäßige Unterbrechung unseres Alltags ordnet unsere Prioritäten neu und erinnert uns an das Fundament unseres Glaubens.
Gemeinschaft und Teilhabe (Koinonia)
Ein wesentlicher Aspekt der geistlichen Erneuerung liegt in der vertikalen und horizontalen Dimension des Abendmahls. Der Apostel Paulus schreibt in 1. Korinther 10,16-17 von der koinōnia (Gemeinschaft, Teilhabe) am Leib und Blut Christi.
- Die vertikale Dimension: Wir werden eng mit Christus verbunden. Wie Nahrung vom Körper aufgenommen wird, um ihn am Leben zu erhalten, so nährt das Abendmahl unsere Seele. Johannes Calvin betonte, dass der Heilige Geist uns im Abendmahl mit dem im Himmel erhöhten Christus verbindet und uns geistlich nährt (Calvin, Institutio Christianae Religionis, IV.17, 1559).
- Die horizontale Dimension: Wir feiern das Abendmahl nie isoliert, sondern als Glieder des einen Leibes Christi. Die regelmäßige Teilnahme korrigiert unseren Individualismus. Sie ruft uns zur Versöhnung mit unseren Geschwistern auf, bevor wir an den Tisch treten (vgl. Matthäus 5,23-24).
Das Abendmahl als „sichtbares Wort“
Augustinus von Hippo prägte den Begriff des Sakraments als „sichtbares Wort“ (Augustinus, Über das Johannesevangelium, Traktat 80.3, ca. 416 n. Chr.: „Accedit verbum ad elementum, et fit sacramentum“ – Das Wort kommt zum Element, und es entsteht das Sakrament).
Geistliche Erschöpfung resultiert oft daraus, dass der Glaube zu einer reinen Kopfsache wird. Im Abendmahl spricht Gott alle unsere Sinne an: Wir sehen das gebrochene Brot, wir riechen und schmecken den Wein, wir tasten und spüren die Elemente. Diese leibliche Dimension des Sakraments fängt uns dort auf, wo unsere intellektuelle Kraft versagt. Sie versichert uns ganz real: „Für dich gegeben.“
Praktische Impulse für die geistliche Praxis
Um das Abendmahl als Quelle dauerhafter Erneuerung zu erleben, helfen folgende Schritte:
- Bewusste Vorbereitung: Nutze die Tage oder Stunden vor der Feier zur Selbstprüfung (vgl. 1. Korinther 11,28). Dies ist kein moralischer TÜV, um sich „würdig“ zu machen, sondern ein ehrliches Ablegen von Lasten und Schuld vor Gott.
- Erwartungsvoller Empfang: Tritt mit der Erwartung an den Tisch, dass Christus dir real begegnet und dir seine Vergebung und Kraft neu zuspricht.
- Dankbare Nacharbeit: Das Abendmahl entlässt uns in den Dienst. Die eucharistische Haltung (von griech. eucharistia = Danksagung) soll unseren Alltag prägen, indem wir selbst zu „Brot für die Welt“ werden und die empfangene Liebe an unsere Mitmenschen weitergeben.