Wie kann ich Gottes Gegenwart spüren, wenn er mir fern erscheint?
Das Gefühl der Abwesenheit Gottes – in der christlichen Tradition oft als „trockene Phase“ oder „dunkle Nacht der Seele“ bezeichnet – ist keine Anomalie des Glaubens, sondern eine fundamentale Erfahrung, die sich durch die gesamte biblische und Kirchengeschichte zieht. Wenn Gott fern erscheint, ist der erste Schritt meist ein Perspektivenwechsel: Weg von der Jagd nach emotionaler Spürbarkeit, hin zu einer Verankerung in seinen Zusagen.
Die Klage als Brücke im Grundtext
In den Psalmen finden wir eine ehrliche Sprache für diese Distanz. In Psalm 13,2-3 betet David: „Wie lange, HERR, willst du mich ganz vergessen?“ Das hebräische Wort für „vergessen“ im Grundtext (šākaḥ) beschreibt hier nicht ein kognitives Versäumnis Gottes, sondern das schmerzhafte Ausbleiben seines rettenden Eingreifens.
Interessanterweise ist die Klage in der Bibel kein Zeichen von Unglauben, sondern eine Form des Kontakts. Indem wir Gott unsere gefühlte Leere entgegenschreien, projizieren wir unseren Schmerz nicht ins Nichts, sondern wenden uns genau an den, dessen Schweigen wir beklagen. Die Klage setzt voraus, dass da jemand ist, der zuhört.
Praktische Wege durch die Wüste
Wenn die emotionale Wahrnehmung Gottes ausbleibt, helfen feste geistliche Praktiken, die unabhängig von der Tagesform tragen:
- Die Liturgie des Alltags (Habitualisierung): Wenn das spontane Gebet vertrocknet, helfen vorgegebene Strukturen. Das Stundengebet, das Lesen fester Psalmen oder das Jesusgebet („Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“) entlasten uns von dem Druck, selbst Worte finden zu müssen.
- Der Blick auf den Nächsten: Jesus begegnet uns oft inkognito. In Matthäus 25,40 macht er deutlich, dass wir ihm dort begegnen, wo wir den Geringsten dienen. Wenn Gott im Gebetszimmer unauffindbar scheint, ist er oft auf der Straße, im Krankenhaus oder beim einsamen Nachbarn zu finden.
- Die „lectio divina“: Das meditative, langsame Lesen der Schrift (z. B. Römer 8,38-39) nährt den Verstand mit Wahrheiten, die über unsere aktuellen Gefühle hinausgehen. Wir erinnern uns an das, was gilt, nicht an das, was sich gerade wahr anfühlt.
Historische Perspektiven: Die dunkle Nacht
Der Mystiker Johannes vom Kreuz beschrieb im 16. Jahrhundert die „dunkle Nacht der Seele“ (Johannes vom Kreuz, Die dunkle Nacht, 1582) nicht als Strafe, sondern als Reifungsprozess. Er argumentierte, dass Gott sich entzieht, um uns von der „Sucht“ nach spirituellen Wohlgefühlen zu reinigen. Wir sollen lernen, Gott um seiner selbst willen zu lieben, nicht wegen der guten Gefühle, die er uns schenkt.
Auch Dietrich Bonhoeffer betonte in seinen Briefen aus der Haft, dass ein mündiger Glaube lernen muss, mit der scheinbaren Ohnmacht und Abwesenheit Gottes in der Welt umzugehen: „Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen auf das Kreuz“ (Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, 1944 — deutsche Originalausgabe). Gott ist im Leiden und in der Stille gegenwärtig, auch wenn er sich unseren Sinnen entzieht.
Ein Impuls zum Dranbleiben
Glauben bedeutet oft, die Treue zu halten, wenn das Licht aus ist. Wenn du Gottes Gegenwart gerade nicht spürst, darfst du dich auf sein Versprechen aus Matthäus 28,20 verlassen: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Das ist keine Frage des Gefühls, sondern eine Zusage des Auferstandenen.