Wie lerne ich, Gottes Verheißungen im Gebet aktiv für mein Leben in Anspruch zu nehmen?
Das aktive Inanspruchnahme von Gottes Verheißungen im Gebet beginnt nicht mit dem Einfordern von Wunschzetteln, sondern mit einer tiefen Ausrichtung des eigenen Herzens an Gottes Charakter und seinem bereits offenbarten Willen. Im griechischen Grundtext des Neuen Testaments wird das Wort für Verheißung, epangelia, oft im rechtlichen oder feierlichen Sinne einer feierlichen Zusage verwendet. Um diese Zusagen im Gebet tragfähig zu machen, braucht es einen reflektierten, geistlich reifen Umgang mit der Schrift.
1. Den biblischen Kontext wahrnehmen
Ein häufiger Stolperstein ist das isolierte Herausgreifen von Versen. Um eine Verheißung im Gebet ehrlich zu bewegen, muss geklärt werden, an wen sie gerichtet war. Handelt es sich um eine spezifische, zeitlich begrenzte Zusage an eine historische Person (wie die Landverheißung an Abraham in 1. Mose 12,1-3) oder um eine universelle Zusage an alle Gläubigen (wie die Zusage von Gottes Gegenwart in Matthäus 28,20)?
Die Literaturwissenschaftler Gordon Fee und Douglas Stuart betonen in ihrem Standardwerk zur biblischen Hermeneutik, dass ein Text niemals bedeuten kann, was er für seine ursprünglichen Empfänger nie bedeutet hat (Fee/Stuart, Effektives Bibelstudium, 1982). Wenn wir Verheißungen beten, tun wir dies im Bewusstsein dieses ursprünglichen Kontextes und übertragen das darin sichtbare Wesen Gottes auf unsere Situation.
2. Die christologische Brille aufsetzen
Für christliches Beten ist der Schlüsselvers für alle Verheißungen 2. Korinther 1,20: „Denn auf alle Verheißungen Gottes ist in ihm [Jesus] das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre.“
Jede Verheißung des Alten und Neuen Testaments findet ihre letztgültige Erfüllung und Absicherung in der Person Jesu Christi. Wenn Sie also um Frieden, Versorgung oder Bewahrung beten, fordern Sie nicht eine abstrakte Leistung ein, sondern Sie berufen sich darauf, dass Jesus Christus diese Realität bereits in Ihr Leben hineingekauft hat. Das Gebet wird so zu einem Akt des Vertrauens auf das vollbrachte Werk am Kreuz.
3. Das „Amen“ sprechen: Beten mit den Worten der Schrift
Eine bewährte geistliche Praxis ist das sogenannte Schriftgebet (oft angelehnt an die klassische Lectio Divina). Dabei beten Sie den biblischen Text direkt zu Gott zurück.
- Formulieren Sie den Vers um: Machen Sie aus einer Zusage ein persönliches Gebet. Aus Psalm 23,1 („Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“) wird im Gebet: „Herr, du bist mein Hirte. Ich danke dir, dass du mich heute führst und dass du für alles sorgen wirst, was ich wirklich brauche.“
- Verbinden Sie Verheißung und Gehorsam: Viele biblische Verheißungen sind an eine Haltung des Vertrauens oder des Gehorsams gekoppelt (vgl. PHI 4,6-7). Bringen Sie im Gebet auch Ihre Bereitschaft zum Ausdruck, sich auf Gottes Bedingungen einzulassen.
Dietrich Bonhoeffer beschrieb diese Dynamik des betenden Schriftlesens treffend: „Nicht das Wort sollen wir erklären, sondern das Wort soll uns erklären und aufschließen“ (Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, 1939).
4. Die Spannung des „Schon jetzt und noch nicht“ aushalten
Aktives Glaubensgebet bedeutet auch, mit der biblischen Spannung zu leben, dass Gottes Reich zwar angebrochen, aber noch nicht vollendet ist. Manche Verheißungen – wie die völlige Freiheit von Schmerz und Leid (Offenbarung 21,4) – haben ihre endgültige Erfüllung in der zukünftigen Herrlichkeit. Wenn wir heute um Heilung oder Befreiung beten, tun wir dies im festen Glauben an Gottes Macht, ordnen uns aber gleichzeitig seiner souveränen Weisheit und seinem Zeitplan unter, wie es auch Jesus im Garten Gethsemane tat (Matthäus 26,39).
Indem Sie Gottes Zusagen systematisch studieren, sie im Licht Jesu deuten und betend aussprechen, verwandelt sich Ihr Gebetsleben von einem unsicheren Hoffen in ein festes Verankertsein in Gottes unveränderlichem Charakter.