Ist die Auferstehung von Jesus ein historisches Ereignis?
Die Frage, ob die Auferstehung von Jesus Christus ein historisches Ereignis ist, lässt sich mit den Methoden der modernen Geschichtswissenschaft weder eindeutig beweisen noch widerlegen. Historiker können nicht das übernatürliche Ereignis selbst untersuchen, sondern nur die historisch greifbaren Spuren und Auswirkungen, die es in der Antike hinterlassen hat.
Aus historisch-kritischer Sicht gibt es eine Reihe von Fakten, die von einer großen Mehrheit der Neutestamentler und Althistoriker – unabhängig von ihrer persönlichen Weltanschauung – als gesichert angesehen werden. Dazu gehören:
- Der Tod Jesu durch Kreuzigung: Dass Jesus unter Pontius Pilatus hingerichtet wurde, gilt als eines der am besten gesicherten Ereignisse der antiken Geschichte. Es wird nicht nur in den Evangelien (z. B. Markus 15,37-39), sondern auch von nicht-christlichen Quellen wie dem römischen Historiker Tacitus (Annalen, XV.44, ca. 116 n. Chr.) und dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus (Altertümer, XVIII.3, ca. 93 n. Chr.) bestätigt.
- Das plötzliche Auftreten des Auferstehungsglaubens: Kurz nach Jesu Tod verkündeten seine Jünger in Jerusalem, dass er lebt. Diese Bewegung breitete sich rasant aus, obwohl die Anhänger dafür Verfolgung und Tod riskieren mussten.
- Das leere Grab: Viele Forscher (darunter auch kritische wie Hans von Campenhausen) argumentieren, dass die Verkündigung der Auferstehung in Jerusalem unmöglich gewesen wäre, wenn man den Leichnam Jesu im Grab hätte vorweisen können.
- Die Bekehrung von Skeptikern: Personen wie Jakobus (der Bruder Jesu) und Saulus von Tarsus (Paulus), die der Bewegung zuvor skeptisch oder feindselig gegenüberstanden, wurden durch persönliche Begegnungen mit dem Auferstandenen zu überzeugten Verkündigern (siehe 1. Korinther 15,5-8).
Die verschiedenen Erklärungsmodelle
Da Historiker die Auferstehung selbst nicht direkt beweisen können, stehen sich im wissenschaftlichen Diskurs im Wesentlichen zwei Erklärungsmodelle gegenüber:
- Das naturalistische Modell: Kritische Historiker versuchen, die Entstehung des Christentums ohne ein übernatürliches Eingreifen zu erklären. Beliebte Hypothesen sind die Verschwörungstheorie (die Jünger stahlen den Leichnam), die Scheintodtheorie (Jesus überlebte die Kreuzigung) oder die Halluzinationstheorie (die Jünger hatten subjektive Trauer-Visionen, die sie als reale Begegnungen deuteten). Jede dieser Theorien stößt in der Forschung jedoch auf historische Probleme. So erklärt die Halluzinationstheorie nur schwer, warum auch Gruppenerlebnisse und die Bekehrung von Feinden wie Paulus stattfanden.
- Das supranaturalistische Modell: Dieses Modell nimmt den Bericht der Jünger ernst und geht davon aus, dass Gott Jesus tatsächlich von den Toten auferweckt hat. Aus dieser Perspektive ist die Auferstehung ein reales, raumzeitliches Ereignis, das jedoch die bekannten Naturgesetze überschreitet. Der Neutestamentler N.T. Wright argumentiert in seinem Standardwerk The Resurrection of the Son of God (2003), dass die historische Entstehung des christlichen Glaubens ohne eine reale, körperliche Auferstehung Jesu historisch ein Rätsel bleibt.
Ein Blick in den Grundtext
Im griechischen Grundtext des Neuen Testaments wird für „auferstehen“ meist das Verb egeirō (aufwecken, aufrichten) oder anistēmi (aufstehen) verwendet. Bemerkenswert ist, dass im Grundtext oft das Passiv verwendet wird (ēgerthē – „er ist auferweckt worden“, z. B. in Matthäus 28,6). Das zeigt die theologische Nuance: Die Urchristen verstanden die Auferstehung nicht als ein biologisches „Sich-Erholen“ Jesu, sondern als ein aktives, rettendes Handeln Gottes an ihm.
Am Ende bleibt die Auferstehung eine Frage, die den Rahmen reiner Geschichtsschreibung sprengt. Sie fordert eine persönliche Entscheidung heraus, wie man die historischen Indizien interpretiert.