Muss ich alles in der Bibel wörtlich nehmen?
Nein, die Bibel muss und kann nicht durchgehend wörtlich verstanden werden, weil sie kein einzelnes Buch ist, sondern eine antike Bibliothek aus 66 verschiedenen Schriften, die in ganz unterschiedlichen literarischen Gattungen verfasst wurden. Wer die Bibel ernst nehmen will, muss sie deshalb zuerst literarisch ernst nehmen – das bedeutet, einen Text so zu lesen, wie er von den Autoren gemeint war.
Die Vielfalt der Gattungen
In der Bibel finden sich historische Berichte, Gesetzestexte, prophetische Visionen, Briefe, aber auch jede Menge Poesie, Lieder und Weisheitsliteratur. Jede dieser Gattungen hat eigene Spielregeln:
- Metaphern und Poesie: Wenn in Psalm 18,3 steht, dass Gott eine „Burg“ oder ein „Schild“ ist, versteht jeder Leser instinktiv, dass dies kein Baumaterial beschreibt, sondern eine Beziehungsrealität. Auch Jesus nutzte im Neuen Testament ständig bildhafte Sprache, etwa wenn er sich selbst als „die Tür“ (Johannes 10,9) oder „den Weinstock“ (Johannes 15,5) bezeichnete.
- Gleichnisse: Jesus erzählte fiktive Geschichten (Parabeln), um theologische Wahrheiten zu verdeutlichen, wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32). Hier nach historischen Personen oder Orten zu suchen, geht am Sinn des Textes vorbei.
- Apokalyptik: Schriften wie das Buch Daniel oder die Offenbarung des Johannes (Offenbarung 1) nutzen eine hochgradig symbolische Bildersprache (Ungeheuer, Zahlenmystik), die im antiken Judentum als gängiges Stilmittel bekannt war, um politische und spirituelle Krisen zu deuten.
Der Blick in den Grundtext und den historischen Kontext
Ein wörtliches Verständnis scheitert oft schon an der Übersetzung. Im hebräischen und griechischen Grundtext stecken Redewendungen und kulturelle Bilder, die sich nicht eins zu eins ins Deutsche übertragen lassen.
- Ein Beispiel ist die Schöpfungserzählung in 1. Mose 1. Während manche Christen diese Berichte als naturwissenschaftliche Protokolle verstehen, betonen Alttestamentler wie John Walton (The Lost World of Genesis One, 2009), dass der Text im Kontext des Alten Orients gelesen werden muss. Es ging den Autoren nicht um materielle Entstehungsprozesse im modernen Sinne, sondern um die Ordnung und den Zweck der Schöpfung als Tempel Gottes.
- Auch Übertreibungen (Hyperbeln) waren ein normales rhetorisches Mittel. Wenn Jesus in Matthäus 5,29 sagt, man solle sich das Auge ausreißen, wenn es zur Sünde verleitet, fordert er keine Selbstverstümmelung, sondern drückt mit maximaler jüdischer Rhetorik die Dringlichkeit von ethischer Integrität aus.
Verschiedene theologische Zugänge
In der Theologie gibt es unterschiedliche Ansätze, wie mit dem Bibeltext umzugehen ist:
- Der wortgetreue (literalistische) Ansatz: Er geht davon aus, dass Texte – wo immer möglich – historisch-faktisch zu verstehen sind, es sei denn, die Bildersprache ist völlig offensichtlich. Dieser Ansatz betont die göttliche Inspiration und Irrtumslosigkeit der Schrift.
- Der historisch-kritische Ansatz: Er versucht, den Text in seiner Entstehungszeit zu verankern. Gefragt wird: Wer schrieb an wen, in welchem historischen Kontext und mit welcher Absicht? Hier wird unterschieden zwischen dem zeitbedingten Weltbild der Autoren und der zeitlosen theologischen Botschaft.
- Der christozentrische Ansatz: Hier steht Jesus Christus im Zentrum der Interpretation. Martin Luther prägte den Satz, dass die Bibel das ist, „was Christum treibet“ (Luther, Vorrede auf die Episteln St. Jakobi und Judä, 1522). Passagen werden demnach daran gemessen, wie sehr sie die Liebe und das Wesen Gottes widerspiegeln, das in Jesus sichtbar wurde.
Fazit für die Praxis
Die Frage ist meistens nicht, ob man die Bibel wörtlich nimmt, sondern wie man sie ernst nimmt. Wer einen poetischen Text wörtlich presst, tut ihm Unrecht – genauso wie jemand, der einen historischen Bericht als reines Märchen abtut. Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Bibel sucht nach der Absicht der Autoren und fragt, welche Bedeutung diese alten Texte für das Leben und die Nachfolge heute haben.