Warum sollte ich der Kirche vertrauen, wenn sie so viele Fehler macht?
Man muss der Kirche als Institution nicht blind vertrauen, um sich mit dem christlichen Glauben auseinanderzusetzen. Die Geschichte der Kirche ist unbestreitbar von schweren Fehlern, Machtmissbrauch, Gewalt und moralischem Versagen geprägt – von den Kreuzzügen bis hin zu den erschütternden Missbrauchsskandalen der Gegenwart. Eine ehrliche theologische Auseinandersetzung verharmlost diese Realität nicht, sondern nimmt sie als Ausgangspunkt.
Um zu verstehen, wie man trotz dieser Fehler einen Zugang zur Kirche finden kann, hilft ein Blick auf ihre Definition, ihre Geschichte und ihr eigentliches Fundament.
Was bedeutet „Kirche“ im Grundtext?
Das Wort „Kirche“, wie wir es heute verwenden, geht auf das griechische Wort im Grundtext des Neuen Testaments zurück: ekklesia (ἐκκλησία). Dieses Wort bedeutete im antiken Griechenland schlicht „die herausgerufene Versammlung“ von Bürgern. Es bezeichnete keine heilige, unfehlbare Hierarchie und kein Gebäude, sondern eine konkrete Gemeinschaft von Menschen, die sich um eine gemeinsame Idee versammelten.
Im Neuen Testament wird diese Gemeinschaft von Anfang an nicht als Ansammlung von moralisch perfekten Menschen dargestellt. Im Gegenteil: Die Briefe des Apostels Paulus an die frühen Gemeinden – wie etwa in 1. Korinther 1,11-13 oder Galater 2,11-14 – zeigen, dass es schon damals heftige Streitigkeiten, Heuchelei, soziale Ausgrenzung und ethische Verfehlungen gab. Die Bibel zeichnet die Kirche nie als fehlerfrei, sondern als eine Gemeinschaft von „Sündern“, die auf Vergebung angewiesen sind.
Die Unterscheidung zwischen Fundament und Bodenpersonal
Der Theologe Dietrich Bonhoeffer beschrieb die Kirche als „Christus als Gemeinde existierend“ (Bonhoeffer, Sanctorum Communio, 1930). Das bedeutet: Das Wesen der Kirche liegt nicht in der moralischen Perfektion ihrer Mitglieder oder Leiter, sondern in ihrer Ausrichtung auf Jesus Christus.
Wenn die Kirche versagt, tut sie das fast immer genau dann, wenn sie sich von den Maßstäben Jesu entfernt – etwa von seiner radikalen Zuwendung zu den Schwachen, seiner Gewaltlosigkeit und seiner Kritik an religiöser Machtakkumulation (nachzulesen in Matthäus 23,1-12). Das bedeutet paradoxerweise: Die schärfste Kritik an den Fehlern der Kirche lässt sich mit den Worten Jesu selbst begründen. Wer die Kirche für ihre Fehler kritisiert, misst sie oft an dem Standard, den sie selbst verkündigen soll.
Warum überhaupt noch dazugehören?
Es gibt gute Gründe, warum Menschen trotz aller Enttäuschungen die Gemeinschaft suchen:
- Gemeinschaft statt Isolation: Der christliche Glaube ist strukturell auf Gemeinschaft angelegt. Die Bibel beschreibt Glaubende als Glieder eines einzigen Körpers, die einander brauchen und unterstützen sollen (1. Korinther 12,12-27).
- Korrektiv und Dienst an der Welt: Trotz institutioneller Fehler ist die Kirche weltweit der größte Träger von sozialer Arbeit, Seelsorge, Bildungsangeboten und Katastrophenhilfe. Wo Menschen im Geiste Jesu zusammenwirken, entsteht konkrete Hilfe für die Schwachen (Matthäus 25,35-40).
- Die reformatorische Einsicht: Die Reformatoren betonten, dass die Kirche semper reformanda sei – also „allzeit zu reformieren“. Sie ist kein starres Monument, sondern ein lebendiger Organismus, der sich immer wieder neu an seinem Ursprung, dem Evangelium, messen und korrigieren lassen muss.
Vertrauen wächst nicht durch das Ausblenden von Fehlern, sondern durch Transparenz, Aufarbeitung und die Rückbesinnung auf das Fundament: Jesus Christus. Man darf und sollte die Institution kritisch hinterfragen, während man gleichzeitig nach Menschen sucht, die versuchen, die Botschaft von Liebe, Gnade und Gerechtigkeit im Alltag glaubwürdig zu leben.