Was meint die Bibel eigentlich mit dem Begriff Sünde?
Das biblische Verständnis von Sünde geht weit über das bloße Brechen von moralischen Regeln hinaus und beschreibt im Kern eine tief sitzende Beziehungsstörung – sowohl zwischen Mensch und Gott als auch zwischen Menschen untereinander.
Die Begriffe im Grundtext: Zielverfehlung und Rebellion
Um zu verstehen, was die biblischen Autoren meinten, hilft ein Blick auf die Begriffe im hebräischen und griechischen Grundtext:
- Chata (hebräisch) & Hamartia (griechisch): Das am häufigsten verwendete Wort für Sünde bedeutet wörtlich „das Ziel verfehlen“. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Bogenschießen oder dem alltäglichen Reisen: Man nimmt Maß, schießt oder läuft los, verfehlt aber das Ziel oder kommt vom Weg ab. Auf das Leben übertragen bedeutet dies, dass der Mensch das Ziel verfehlt, für das er eigentlich geschaffen wurde – nämlich in einer liebevollen, vertrauensvollen Beziehung zu Gott, zu seinen Mitmenschen und zur Schöpfung zu leben (Römer 3,23).
- Pesha (hebräisch): Dieses Wort beschreibt eine bewusste Auflehnung, einen Vertragsbruch oder eine Rebellion. Es geht hier nicht um ein Versehen, sondern um den bewussten Bruch einer vertrauensvollen Beziehung, vergleichbar mit dem Bruch eines Bundes zwischen zwei Partnern.
- Awon (hebräisch): Dieser Begriff meint eine innere Verkrümmung oder Verkehrtheit. Er beschreibt den Zustand, in sich selbst verkrümmt zu sein, was später auch von Reformatoren wie Martin Luther aufgegriffen wurde (Luther, Vorlesung über den Römerbrief, 1515/1516).
Sünde als Zustand und Macht
Sünde wird in der Bibel selten als bloße Liste von Einzeltaten verstanden. Besonders im Neuen Testament – vor allem bei Paulus – wird Sünde fast wie eine personifizierte, kosmische Macht beschrieben, die den Menschen gefangen hält (Römer 7,14-20). Es ist ein Zustand der Entfremdung.
Der evangelische Theologe Paul Tillich beschrieb Sünde in diesem Sinne als „Entfremdung“: die Trennung des Menschen von dem Grund seines Seins (Gott), von seinen Mitmenschen und von sich selbst (Tillich, Systematische Theologie, Band II, 1957).
Auch der Philosoph Søren Kierkegaard betonte, dass Sünde im Kern kein moralisches Versagen ist, sondern der Versuch des Menschen, seine Existenz unabhängig von Gott zu sichern, was letztlich in Verzweiflung endet (Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode, 1849).
Die soziale und strukturelle Dimension
Sünde hat in der Bibel immer auch eine soziale Komponente. Wenn die alttestamentlichen Propheten Sünde anklagen, meinen sie selten private Verfehlungen, sondern soziale Ungerechtigkeit, die Ausbeutung von Witwen und Waisen und die Korruption der Oberschicht (z. B. Jesaja 1,15-17). Sünde zeigt sich in Systemen, die Leben zerstören und Gerechtigkeit verhindern.
Jesus und der Umgang mit Sünde
Jesus verschiebt in seiner Verkündigung den Fokus weg von rituellen Reinheitsgeboten hin zur Gesinnung des Herzens (Matthäus 5,21-22). Für ihn ist Sünde das, was aus dem Inneren des Menschen kommt und Beziehungen zerstört (Markus 7,20-23).
Gleichzeitig begegnet Jesus Sündern nicht mit moralischer Verurteilung, sondern mit dem Angebot zur Umkehr und Neuausrichtung. Das Ziel der biblischen Diagnose „Sünde“ ist nie die bloße Beschämung des Menschen, sondern seine Befreiung und die Wiederherstellung zerbrochener Beziehungen.