Wer hat entschieden, welche Bücher in die Bibel kommen?
Die Entscheidung, welche Bücher in die Bibel aufgenommen wurden, wurde nicht von einer einzelnen Person, einem Papst oder auf einem einzigen Konzil per Machtwort getroffen. Es war stattdessen ein jahrhundertelanger, organischer Prozess des Suchens, Verwerfens und Klärens innerhalb der jüdischen und christlichen Glaubensgemeinschaften.
Das Alte Testament (Die Hebräische Bibel)
Die Entstehung des alttestamentlichen Kanons (als „Kanon“ bezeichnet man die Sammlung maßgeblicher Schriften) vollzog sich über viele Jahrhunderte im antiken Judentum.
Bereits zur Zeit Jesu gab es eine weitgehende Einigkeit über die heiligen Schriften, die oft in drei Teile gegliedert wurden: das Gesetz (Tora), die Propheten (Newi'im) und die Schriften (Ketuvim). Jesus selbst bezieht sich auf diese Dreiteilung, wenn er in Lukas 24,44 vom „Gesetz des Mose, den Propheten und den Psalmen“ spricht.
Nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. mussten jüdische Gelehrte (etwa beim Treffen in Jabne am Ende des 1. Jahrhunderts) definieren, welche Schriften die Identität des Judentums ohne Tempelkult bewahren sollten. Bücher, die im hebräischen Grundtext vorlagen und vor der Epoche Alexanders des Großen entstanden waren, wurden als bindend anerkannt.
Das Neue Testament und seine Kriterien
Die frühen Christen besaßen zunächst nur die jüdischen Schriften und die mündliche Überlieferung über Jesus. Als die Augenzeugen starben, entstand das Bedürfnis, die Lehre schriftlich festzuhalten. Briefe von Aposteln wie Paulus (z. B. Römer 1,1) und die Evangelien wurden kopiert, getauscht und in den Gottesdiensten vorgelesen.
Bei der Auswahl, welche dieser Schriften bleibenden Wert hatten, kristallisierten sich im 2. und 3. Jahrhundert drei wesentliche Kriterien heraus:
- Apostolizität: Geht die Schrift direkt auf einen Apostel oder einen seiner engen Mitarbeiter zurück (z. B. Lukas als Begleiter von Paulus)?
- Orthodoxie (Rechtgläubigkeit): Stimmt der Inhalt mit der Kernbotschaft über Jesus Christus überein, wie sie mündlich überliefert wurde?
- Katholizität (Allgemeine Verbreitung): Wurde der Text von der Mehrheit der Gemeinden im Römischen Reich im Gottesdienst verwendet und als geistlich wertvoll erfahren?
Wichtige historische Meilensteine
Der Neutestamentler Bruce Metzger betont in seiner Standarduntersuchung The Canon of the New Testament (1987), dass die Kirche den Kanon nicht „erschaffen“, sondern ihn im Laufe der Zeit „anerkannt“ hat.
- Das Fragmentum Muratori (ca. 170 n. Chr.): Dies ist das älteste bekannte Verzeichnis neutestamentlicher Schriften. Es enthält bereits den Großteil der heutigen Bücher, schwankt aber noch bei einigen Randbriefen.
- Der Osterfestbrief des Athanasius (367 n. Chr.): Der Bischof von Alexandria listete in diesem Brief als Erster exakt die 27 Bücher auf, die heute unser Neues Testament bilden.
- Die Synoden von Hippo (393 n. Chr.) und Karthago (397 n. Chr.): Diese regionalen Kirchenversammlungen bestätigten diese Liste offiziell. Sie schufen keine neuen Fakten, sondern hielten fest, was in den Gemeinden ohnehin seit Generationen als heilige Schrift gelesen wurde.
Warum gibt es heute unterschiedliche Bibeln?
Die Frage des Kanons flammte in der Reformationszeit erneut auf. Martin Luther hinterfragte im 16. Jahrhundert die sogenannten Apokryphen (Spätschriften des Alten Testaments, die im hebräischen Kanon fehlen, aber in der griechischen Übersetzung, der Septuaginta, enthalten waren).
Deshalb haben protestantische Bibeln heute 66 Bücher, während römisch-katholische Bibeln (die diese Spätschriften als „deuterokanonisch“ anerkennen) und orthodoxe Bibeln einen etwas größeren Umfang des Alten Testaments aufweisen. Im Neuen Testament sind sich jedoch alle Konfessionen einig.