Hätte man uns gesagt, dass Gott in das Leben eines Menschen kommt … so müsste das etwas sehr Schreckliches und Furchtbares sein. Gewiss müsste es das Leben, in das Gott kommt, zerreißen und zerbrechen. Zumindest würde es dieses Leben absondern und es unnatürlich und fremd machen. Gott erfüllt einen Dornbusch mit seiner Herrlichkeit, und er brennt. Gott zieht in den großen Berg ein, und er bebt in einem Erdbeben. Wenn er einen Menschen bewohnt, muss er das Menschsein, das er bewohnt, in eine unmenschliche Gestalt verzerren. Stattdessen scheint dieses neue Leben, in das Gott kommt, das stillste, natürlichste Menschenleben zu sein, das je auf Erden gesehen wurde. Es gleitet an seinen Platz wie Sonnenlicht. Es macht offenbar, dass Gott und Mensch einander wesenhaft so nahe sind, dass die Begegnung ihrer Naturen im Leben eines Gottmenschen nichts Fremdes hat. So geht Christus immer mit seiner eigenen Natur um: Er nimmt seine Gottheit an, wie du und ich unser Menschsein annehmen, und lässt sie durch die Hülle hindurchleuchten, mit der sie sich aufs Feinste und Geheimnisvollste vermischt hat – wie die Seele sich mit dem Leib vermischt und durch ihn hindurchleuchtet.

Phillips Brooks (1835–1893), Geistlicher

Themen: Gott, Jesus & Heiliger Geist, Wachstum & Charakter

Anlässe: Kirchenjahr, Zum Nachdenken

Phillips Brooks

Phillips Brooks war ein US-amerikanischer Geistlicher und Bischof der Episkopalkirche im 19. Jahrhundert, der vor allem als einflussreicher Kanzelredner an der Trinity Church in Boston wirkte. Bekannt wurde der Vertreter der liberalen „Broad Church“-Strömung als Textdichter des Weihnachtsliedes „O Little Town of Bethlehem“ sowie durch seine Definition der Predigt als Vermittlung von Wahrheit durch Persönlichkeit. Heutigen Bibellesern begegnet er vor allem durch Zitate, die eine persönliche Christusbeziehung, Seelsorge und tätige Nächstenliebe über dogmatische Streitigkeiten stellen.

Alle Zitate von Phillips Brooks (35)

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