Selbst bei uns Menschen ist Barmherzigkeit eine freiwillige Tugend; wir müssen nicht barmherzig sein. Wir bewundern gewöhnlich Menschen, die es sind, aber wir sagen nicht, dass man es sein muss. Wir sagen, jeder muss gerecht sein. Wir sagen zum Beispiel, dass ein Arbeitgeber, wenn er zustimmt, einen bestimmten Lohn zu zahlen, diesen Lohn auch zahlen muss. Tut er es nicht, ist er ungerecht und kann verklagt werden. Alle unsere Verträge basieren auf der Integrität, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit derer, mit denen wir Geschäfte machen. Sie werden vor Gericht gestellt, inhaftiert und sogar hingerichtet, wenn sie ihre Pflicht von Mensch zu Mensch verletzen. Wie steht es mit der Barmherzigkeit unter Menschen? Wir lieben sie. Wir bewundern sie. Wir ermutigen dazu. Wir praktizieren sie manchmal. Aber wir sagen nicht, dass Barmherzigkeit eine Pflicht ist… Wenn das schon für menschliche Angelegenheiten gilt, erkennen wir sofort, dass Gott nicht barmherzig sein muss. Er hat uns das Leben und das Gewissen gegeben. Er hat uns Verstand gegeben, um unseren Pflichten nachzukommen, und er hat das Recht, uns für deren Nutzung zur Rechenschaft zu ziehen. Er hat keine weitere Verpflichtung, uns zu vergeben, wenn wir es nicht tun. Wir sagen, dass der Richter der ganzen Erde kein Unrecht tun kann, aber wir können nicht sagen, dass der Richter der ganzen Erde barmherzig sein muss.
— John Gerstner (1914–1996), Theologe
Themen: Gnade & Erlösung, Gott, Jesus & Heiliger Geist, Gerechtigkeit & Einsatz
Anlässe: Zum Nachdenken
John Gerstner
John Gerstner (1914–1996) war ein US-amerikanischer presbyterianischer Theologe und Kirchenhistoriker, der über mehrere Jahrzehnte in Pittsburgh lehrte. Er wurde als führender Experte für Jonathan Edwards bekannt und verteidigte eine rationale, an der calvinistischen Tradition sowie der biblischen Irrtumslosigkeit ausgerichtete Apologetik. Während seine kompromisslose Kritik am Dispensationalismus und an liberalen Tendenzen scharfe Kontroversen auslöste, bieten seine Schriften bis heute Orientierung für ein historisch-reformiertes Schriftverständnis.
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