Bei den meisten von uns ist das geistliche Leben wahrscheinlich deshalb verarmt und verkümmert, weil wir der Dankbarkeit so wenig Raum geben. Es ist wichtiger, Gott für empfangene Segnungen zu danken, als im Voraus um sie zu beten. Denn das vorwärtsgerichtete Gebet ist, obwohl richtig als Ausdruck der Abhängigkeit von Gott, in seinen Interessen immer noch teilweise selbstbezogen; wir hoffen, durch unser Gebet etwas zu gewinnen. Der rückwärtsgerichtete Akt des Dankens hingegen ist völlig frei davon. In sich selbst ist er ganz selbstlos. So ist er der Liebe verwandte. Alle unsere Liebe zu Gott ist eine Antwort auf seine Liebe zu uns; sie beginnt niemals auf unserer Seite. »Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat« (1. Johannes 4,19).
— William Temple (1881–1944), Erzbischof
Bibelstelle: 1JH.4.19
Themen: Freude & Dankbarkeit, Gebet & Stille, Liebe
Anlässe: Zum Nachdenken
William Temple
William Temple (1881–1944) war ein englischer Theologe und Erzbischof von Canterbury in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er verband eine inkarnatorische Theologie mit christlichem Sozialismus, setzte sich für die Entstehung des britischen Sozialstaats sowie die Ökumene ein und stieß mit seiner Einmischung in wirtschaftspolitische Debatten auf konservative Kritik. Bibellesern ist er bis heute vor allem durch seine Auslegungen des Johannesevangeliums und seine Schriften zur gesellschaftlichen Verantwortung der Kirche bekannt.
Alle Zitate von William Temple (23)
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