Was ist der historische Kontext des Tempelgottesdienstes zur Zeit Jesu?

Der Tempelgottesdienst zur Zeit Jesu – in der Epoche des herodianischen Tempels – war das unbestrittene religiöse, wirtschaftliche und politische Herzstück des antiken Judentums. Nach den monumentalen Ausbauten durch Herodes den Großen (ab ca. 20 v. Chr.) war das Areal in Jerusalem einer der größten Sakralbauten der antiken Welt. Um den historischen Kontext zu verstehen, muss man zwischen der physischen Struktur, der priesterlichen Hierarchie, dem liturgischen Ablauf und den enormen politischen Spannungen jener Zeit differenzieren.

Die Struktur: Heiligtum versus Tempelbezirk

Im griechischen Grundtext des Neuen Testaments wird präzise zwischen zwei Begriffen unterschieden:

Der tägliche Kultus: Das Tamid-Opfer

Das Zentrum des täglichen Dienstes war das sogenannte Tamid (hebr. „das Beständige“), das morgendliche und abendliche Ganzopfer (ein einjähriges Lamm), wie es in 2. Mose 29,38-42 vorgeschrieben war.

Der jüdische Historiker Flavius Josephus beschreibt detailliert, dass dieser Dienst minutiös geregelt war (Antiquitates Judaicae, XIV.4.3). Die Priester, die in 24 Dienstklassen (Mischmarot) aufgeteilt waren, losten täglich aus, wer welche Aufgabe übernehmen durfte – etwa das Darbringen des Räucheropfers auf dem goldenen Altar im Heiligen, ein Dienst, der einem Priester oft nur einmal im Leben zufiel Lukas 1,5-9. Begleitet wurde das Opfer von Posaunenschallen, dem Gesang der Leviten, die bestimmte Psalmen anstimmten, und dem Segen der Priester über dem Volk.

Die Wallfahrtsfeste und die Wirtschaft

Zu den drei großen Wallfahrtsfesten – Pessach (Passah), Schawuot (Wochenfest) und Sukkot (Laubhüttenfest) – schwoll die Bevölkerung Jerusalems dramatisch an. Der Neutestamentler Joachim Jeremias schätzte in seinen klassischen Studien zur Ökonomie Jerusalems (Jerusalem zur Zeit Jesu, 1962), dass sich die Einwohnerzahl von etwa 50.000 auf weit über 150.000 Pilger verdreifachte.

Diese Massen benötigten Opfertiere, die makellos sein mussten, und mussten die jährliche Tempelsteuer von einer halben Doppeldrachme entrichten Matthäus 17,24. Da römische oder griechische Münzen mit Porträts von Kaisern oder Göttern im Tempel als götzendienerisch galten, mussten sie bei Geldwechslern in tyrische Schekel umgetauscht werden. Dies erklärt die Präsenz der Händler und Geldwechsler im äußeren Vorhof, gegen die Jesus demonstrativ vorging Johannes 2,13-16.

Politische und theologische Spannungen

Der Tempel war keineswegs ein Ort ungetrübter Harmonie. Die Tempelhierarchie wurde von der Partei der Sadduzäer dominiert, einer aristokratischen Elite, die eng mit der römischen Besatzungsmacht kollaborierte. Der Hohepriester wurde faktisch vom römischen Statthalter (wie Pontius Pilatus) eingesetzt oder abgesetzt. Dies führte zu tiefer Skepsis in der Bevölkerung:

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