Welche theologische Bedeutung hat die Strong-Nummer G1343 im Römerbrief?
Die Strong-Nummer G1343 steht im griechischen Grundtext für das Substantiv δικαιοσύνη (dikaiosynē), das im Deutschen meist mit „Gerechtigkeit“ übersetzt wird. Im Römerbrief des Paulus bildet dieser Begriff das theologische Rückgrat der gesamten Argumentation. Er beschreibt nicht primär eine moralische Eigenschaft des Menschen, sondern das rettende, beziehungsschaffende Handeln Gottes.
Der sprachliche Hintergrund im Grundtext
Um die Tiefe von dikaiosynē bei Paulus zu verstehen, muss man den hebräischen Hintergrund betrachten. Die Septuaginta (die altgriechische Übersetzung des Alten Testaments) verwendet dikaiosynē meist für das hebräische Wort tsedaqah. Im altorientalischen Denken ist Gerechtigkeit kein abstrakter, juristischer Maßstab, sondern ein Beziehungsbegriff. Es geht um die Treue zu einem Bund. Wenn Gott „gerecht“ handelt, bedeutet das, dass er seinem Bund und seinem Volk gegenüber treu bleibt und rettend eingreift.
Die theologische Dimension im Römerbrief
Paulus entfaltet in Römer 1,16-17 das Thema seines Briefes: Im Evangelium wird die „Gerechtigkeit Gottes“ (dikaiosynē theou) offenbart. Hier treffen verschiedene theologische Deutungsmuster aufeinander, die die Kirchengeschichte geprägt haben:
- Die forensische (juristische) Deutung: Vor allem durch die Reformation (Martin Luther, Vorlesung über den Römerbrief, 1515/1516) wurde betont, dass Gottes Gerechtigkeit eine geschenkte Gerechtigkeit ist. Der sündige Mensch wird von Gott im Gericht für gerecht erklärt (Rechtfertigung), nicht aufgrund eigener Werke, sondern allein durch den Glauben (sola fide) an Jesus Christus. Dies wird besonders in Römer 3,21-26 und Römer 4,3-5 entfaltet.
- Die partizipatorische und transformationelle Deutung: Neuere Neutestamentler, oft im Rahmen der „New Perspective on Paul“ (wie E. P. Sanders oder N. T. Wright, Justification: God's Plan & Paul's Vision, 2009), betonen, dass dikaiosynē auch Gottes eigene Treue zu seinem Bund mit Israel beschreibt. Es geht um den Status der Zugehörigkeit zum Bundesvolk Gottes, der nun auch den Heiden offensteht. Zudem bewirkt diese Gerechtigkeit eine reale Veränderung im Leben des Glaubenden, wie Paulus in Römer 6,13-19 zeigt, wo die Gläubigen aufgefordert werden, ihre Glieder als „Werkzeuge der Gerechtigkeit“ zur Verfügung zu stellen.
- Die kosmische Befreiung: In der Tradition von Ernst Käsemann (Gottesgerechtigkeit bei Paulus, 1961) wird die Gerechtigkeit Gottes als eine schöpferische Macht verstanden, mit der Gott sein Recht auf die gefallene Schöpfung anmeldet und sie aus der Knechtschaft der Sünde befreit.
Praktische Konsequenzen für die Nachfolge
Für Paulus ist die durch G1343 beschriebene Gerechtigkeit kein theoretisches Konstrukt. In Römer 14,17 schreibt er: „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit (dikaiosynē) und Friede und Freude im Heiligen Geist.“ Die geschenkte Beziehung zu Gott führt direkt in eine neue Praxis des Zusammenlebens in der christlichen Gemeinschaft, die von Versöhnung, sozialer Gerechtigkeit und dem Abbau von Barrieren geprägt ist.