Wie lässt sich das hebräische Wort 'chesed' im Grundtext exegetisch präzise übersetzen?
Das hebräische Wort chesed (חֶסֶד) lässt sich im Grundtext nicht mit einem einzigen deutschen Begriff übersetzen, da es ein vielschichtiges Beziehungs- und Bundeskonzept beschreibt. Während ältere Übersetzungen wie die von Martin Luther oft „Gnade“, „Barmherzigkeit“ oder „Güte“ verwenden, greift dies exegetisch zu kurz. Chesed bezeichnet eine aktive, loyale und verpflichtende Liebe, die sich innerhalb einer bestehenden Beziehung – meist eines Bundes – bewährt.
Der exegetische Befund im Grundtext
In der alttestamentlichen Forschung gilt die Monographie von Nelson Glueck (Das Wort hes_ed im alttestamentlichen Sprachgebrauche, 1927) als Meilenstein. Glueck wies nach, dass chesed kein bloßes Gefühl von Wohlwollen ist, sondern ein Rechts- und Beziehungsbegriff. Es beschreibt das Verhalten, das sich Bundespartner gegenseitig schulden.
Der alttestamentler Hans Walter Wolff (Anthropologie des Alten Testaments, 1973) betonte zudem, dass chesed immer eine Tatkomponente hat. Es ist eine „tatkräftige Hilfe“, die eine akute Notlage wendet.
Die semantische Bandbreite im Grundtext lässt sich in drei Dimensionen unterteilen:
- Bundestreue (Covenant Loyalty): Gott erweist den Menschen chesed, weil er sich an seine Zusagen hält, selbst wenn die Menschen untreu werden. Ein klassisches Beispiel ist die Selbstoffenbarung Gottes in 2. Mose 34,6-7, wo Gott als „reich an chesed (Gnade/Güte) und Wahrheit“ beschrieben wird.
- Loyale Liebe (Steadfast Love): Diese Dimension verbindet emotionale Zuneigung mit eiserner Entschlossenheit. In Psalm 136 wird in jedem der 26 Verse besungen: „Denn seine chesed (Güte) währt ewig“.
- Zwischenmenschliche Solidarität: Auch zwischen Menschen ist chesed die Basis für Gemeinschaft. Ruth erweist ihrer Schwiegermutter Noomi chesed (Ruth 1,16-17; Ruth 3,10), indem sie weit über das gesellschaftlich Erwartete hinaus Verantwortung für sie übernimmt.
Die Übersetzungsgeschichte und ihre Tücken
Ein Übersetzungsproblem entstand bereits in der Antike. Die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta (LXX), übersetzte chesed meist mit eleos (Erbarmen, Mitleid). Die lateinische Vulgata folgte dem mit misericordia.
Dadurch verschob sich der Akzent: Aus der gegenseitigen, treuen Bundesbeziehung auf Augenhöhe wurde in der Rezeption oft ein einseitiges Herabneigen eines Höhergestellten zu einem Bedürftigen (Mitleid). Moderne exegetische Übersetzungen versuchen daher, den Aspekt der Loyalität und Verlässlichkeit wieder stärker zu betonen, etwa durch Begriffe wie „loyale Liebe“, „Bundestreue“ oder „verlässliche Güte“.
Für die neutestamentliche Theologie bildet chesed das Fundament für das griechische Verständnis von charis (Gnade) und agape (Liebe), die in der Person Jesu Christi ihre vollkommene Verkörperung finden.