Wie unterscheidet sich die Septuaginta vom masoretischen Text in Jesaja 7,14?
Der entscheidende Unterschied zwischen dem masoretischen Text (MT) und der Septuaginta (LXX) in Jesaja 7,14 liegt in der Übersetzung des Begriffs für die Frau, die ein Kind gebären soll: Während der hebräische Grundtext das Wort 'almah (עַלְמָה) verwendet, nutzt die griechische Übersetzung das Wort parthenos (παρθένος).
Diese textliche Abweichung hat weitreichende theologische Debatten über die Vorhersage der Jungfrauengeburt im Neuen Testament ausgelöst.
Der hebräische Befund im masoretischen Text
Im hebräischen Grundtext des masoretischen Textes steht das Wort 'almah. In der semitischen Sprachwissenschaft bezeichnet dieses Wort eine „junge Frau im gebärfähigen Alter“, die meist verheiratet oder heiratsfähig ist. Es trifft keine direkte Aussage über ihre sexuelle Unberührtheit, schließt diese aber auch nicht aus.
Wenn der hebräische Text explizit eine unberührte Jungfrau bezeichnen will, verwendet er in der Regel das Wort betulah (בְּתוּלָה), wie es beispielsweise in 1. Mose 24,16 geschieht. In Jesaja 7,14 heißt es im MT wörtlich: „Siehe, die junge Frau (ha-'almah) wird schwanger werden und einen Sohn gebären...“
Die griechische Übersetzung in der Septuaginta
Die Septuaginta, die im 3. bis 2. Jahrhundert v. Chr. entstandene griechische Übersetzung des Alten Testaments, übersetzt 'almah an dieser Stelle mit parthenos. Im klassischen wie auch im hellenistischen Griechisch bezeichnet parthenos spezifisch eine „Jungfrau“ im biologischen Sinne.
Historiker und Sprachwissenschaftler diskutieren, warum die jüdischen Übersetzer der Septuaginta diesen Begriff wählten. Es gibt zwei Haupterklärungen:
- Semantische Weite: Im antiken Griechisch konnte parthenos in seltenen Fällen auch allgemeiner für eine unverheiratete junge Frau stehen, ohne die Jungfräulichkeit dogmatisch zu betonen.
- Theologische Deutung: Die Übersetzer verstanden die Prophezeiung bereits als Hinweis auf ein außergewöhnliches, möglicherweise wunderbares Ereignis und wählten bewusst einen Begriff, der über eine normale Geburt hinausweist.
Der historische und literarische Kontext
Um die Tragweite zu verstehen, muss der historische Kontext von Jesaja 7 betrachtet werden. König Ahas von Juda befindet sich im Syrisch-Ephraimitischen Krieg (ca. 734 v. Chr.) unter massivem militärischem Druck. Jesaja bietet ihm ein Zeichen Gottes an. Das Zeichen ist die Geburt eines Kindes namens Immanuel („Gott mit uns“).
In der historisch-kritischen Forschung wird weithin angenommen, dass sich dieses Zeichen primär auf eine zeitgenössische Geburt im 8. Jahrhundert v. Chr. bezog – möglicherweise auf einen Sohn des Königs (den späteren gottesfürchtigen König Hiskia) oder einen Sohn des Propheten Jesaja selbst (vgl. Jesaja 8,3). Für König Ahas war das Aufwachsen dieses Kindes das Zeitmaß dafür, wann die Bedrohung durch seine Feinde enden würde.
Die neutestamentliche Rezeption
Der Autor des Matthäusevangeliums greift in Matthäus 1,23 die griechische Fassung der Septuaginta auf, um die jungfräuliche Empfängnis Jesu durch den Heiligen Geist theologisch zu untermauern. Matthäus liest Jesaja 7,14 durch eine typologische Brille: Die ursprüngliche Verheißung an Ahas findet ihre endgültige, tiefere Erfüllung (Sensus plenior) in Jesus Christus.
Theologische Perspektiven
- Jüdische Perspektive: Jüdische Gelehrte weisen seit der Antike darauf hin, dass die christliche Lehre von der Jungfrauengeburt auf einer fehlerhaften oder zumindest einseitigen griechischen Übersetzung des hebräischen Wortes 'almah beruht.
- Christlich-traditionelle Perspektive: Viele christliche Theologen argumentieren, dass die Übersetzung der Septuaginta unter göttlicher Vorsehung geschah, um den Weg für das Verständnis der Menschwerdung Gottes zu bereiten. Zudem wird betont, dass auch eine „junge Frau“ im damaligen kulturellen Kontext im Regelfall als Jungfrau in die Ehe ging, weshalb sich die Begriffe praktisch überschnitten.