Welche alttestamentlichen Querverweise deuten auf den leidenden Gottesknecht in Jesaja 53?
Das vierte Gottesknechtslied in ISA.52.13-53.12 steht nicht isoliert im Alten Testament, sondern ist über ein dichtes Netz von Querverweisen mit der Tora, den Psalmen und den Propheten verbunden. Diese Bezüge vertiefen das Verständnis des stellvertretenden Leidens und der Identität des Knechtes.
1. Die anderen Gottesknechtslieder in Jesaja
Um den leidenden Knecht in Jesaja 53 zu verstehen, ist der direkte Kontext der drei vorangehenden Lieder im Jesajabuch entscheidend:
- Jesaja 42,1-9 (Das erste Lied): Hier wird der Knecht als derjenige eingeführt, der vom Geist Gottes ausgerüstet ist, um den Nationen das Recht zu bringen – und das ohne Gewalt und lautes Geschrei.
- Jesaja 49,1-6 (Das zweite Lied): Der Knecht wird bereits im Mutterleib berufen. Seine Mission weitet sich aus: Er soll nicht nur die Stämme Jakobs zurückbringen, sondern auch ein „Licht für die Völker“ sein.
- Jesaja 50,4-9 (Das dritte Lied): Hier deutet sich das physische Leiden bereits konkret an. Der Knecht bietet seinen Rücken denen dar, die ihn schlagen, und sein Gesicht denen, die ihn anspeien, bleibt aber im Vertrauen auf Gott standhaft.
2. Das levitische Opfersystem (Tora)
Ein zentraler theologischer Schlüssel in Jesaja 53 ist der Begriff des Schuldopfers. In Jesaja 53,10 heißt es im hebräischen Grundtext, dass der Knecht sein Leben als aschám (Schuldopfer) einsetzt.
- 3. Mose 5,14-19 und 3. Mose 14,12-13: Das aschám war im levitischen Kultus das Opfer, das dargebracht werden musste, wenn eine konkrete Verfehlung oder Entweihung vorlag. Es forderte Wiedergutmachung. Dass eine Person selbst zum aschám wird, bricht mit dem rein tierischen Opfersystem und deutet auf eine endgültige, stellvertretende Sühne hin.
- Das Passahlamm (2. Mose 12,1-13): Die Metapher des Lammes, das zur Schlachtung geführt wird und stumm bleibt (Jesaja 53,7), greift das Motiv des Passahlammes auf, dessen Blut Schutz vor dem Gericht Gottes bot.
3. Die Psalmen des leidenden Gerechten
Die Schilderung des Spottes, der Einsamkeit und der körperlichen Qualen in Jesaja 53 teilt markante Motive mit den individuellen Klageliedern der Psalmen:
- Psalm 22,1-18: Dieser Psalm beschreibt die extreme Gottverlassenheit, den Spott der Passanten („Er klage es dem HERRN, der helfe ihm“) und das Durchbohren von Händen und Füßen. Die Parallelen zur Verachtung des Knechtes in Jesaja 53,3 und seinem gewaltsamen Tod sind unverkennbar.
- Psalm 69,1-21: Auch hier leidet ein Gerechter unverschuldet Schmach und Schande um Gottes willen, was die jüdische Tradition des „leidenden Gerechten“ (Zaddik) widerspiegelt.
4. Prophetische Parallelen
- Der Durchbohrte in Sacharja 12,10: Sacharja spricht von einer zukünftigen Umkehr Israels, wenn sie auf den blicken werden, den sie „durchbohrt“ haben (hebräisch daqar). Dies korrespondiert eng mit dem „durchbohrt“ (hebräisch chalal) wegen unserer Vergehen in Jesaja 53,5.
- Der neue Bund in Jeremia 31,31-34: Während Jeremia die innere Erneuerung des Bundes ankündigt, liefert Jesaja 53 die rituelle und stellvertretende Basis, wie die Sünden vergeben werden, die diesen neuen Bund zuvor blockiert hatten.
In der alttestamentlichen Wissenschaft (wie etwa bei Brevard Childs in seiner kanonischen Exegese) wird betont, dass Jesaja 53 diese unterschiedlichen Fäden – das königliche Amt, das priesterliche Opfer und das prophetische Leiden – zu einer einzigen, zukunftsweisenden Gestalt verwebt.