Welche Bedeutung hat das hebräische 'Goel' für das Buch Rut?
Der hebräische Begriff Goel (גֹּאֵל, von der Wurzel g-'-l) bedeutet übersetzt „Löser“ oder „Erlöser“ und bildet das theologische und strukturelle Rückgrat des Buches Rut. Im rechtlichen Kontext des antiken Israel bezeichnet der Goel einen nahen männlichen Verwandten, der die Pflicht und das Recht hatte, für bedrängte Familienmitglieder einzustehen, ihren Besitz zu bewahren oder ihre Freiheit zurückzukaufen.
Im Buch Rut wird dieses Konzept auf eine einzigartige Weise entfaltet, die über die reine Gesetzgebung des Pentateuchs hinausgeht und zeigt, wie soziale Verantwortung und göttliche Fürsorge praktisch ineinandergreifen.
Die rechtlichen Grundlagen im Grundtext
Das alttestamentliche Gesetz sieht im Grundtext drei Hauptaufgaben für einen Goel vor:
- Rückkauf von Landbesitz: Wenn ein Israelit verarmte und sein Land verkaufen musste, sollte der Goel dieses Land zurückkaufen, damit es im Familienbesitz blieb (3. Mose 25,25).
- Rückkauf aus der Sklaverei: Musste sich ein Verwandter wegen Schulden selbst in die Sklaverei verkaufen, kaufte der Goel ihn frei (3. Mose 25,47-49).
- *Blutrache (Goel HaDam):* Im Falle eines Mordes forderte der nächste Verwandte Gerechtigkeit ein (4. Mose 35,19).
Im Buch Rut sehen wir eine kreative und barmherzige Verknüpfung dieser Eigentumslösung mit der sogenannten Leviratsehe (Schwagerehe) aus 5. Mose 25,5-10. Obwohl das Gesetz des Levirats primär für Brüder des Verstorbenen galt, weitet das Buch Rut diese Pflicht im Geiste der Schadensbegrenzung auf den weiteren Verwandtenkreis aus. Boaz löst nicht nur das Feld Elimelechs, sondern heiratet auch die ausländische Witwe Rut, um den Namen des Verstorbenen auf seinem Erbteil zu erhalten (Ruth 4,5).
Boaz als der vorbildliche Goel
Die Erzählung kontrastiert zwei potenzielle Löser. Als Noomi und Rut nach Bethlehem zurückkehren, identifiziert Noomi Boaz schnell als einen unserer „Löser“ (Ruth 2,20). Es gibt jedoch noch einen näheren Verwandten, im Text anonym als Ploni Almoni („Soundso“) bezeichnet (Ruth 4,1).
Dieser namenlose Verwandte ist bereit, das Land zu kaufen, zieht sich jedoch sofort zurück, als er erfährt, dass damit die Heirat mit Rut und die Zeugung eines Erben für den verstorbenen Machlon verbunden ist. Er argumentiert, dass dies sein eigenes Erbe gefährden würde (Ruth 4,6).
Boaz hingegen handelt nicht aus reinem ökonomischem Kalkül. Er übernimmt die Rolle des Goel freiwillig und unter persönlichem Risiko. Seine Motivation ist geprägt von Chesed (Güte, Loyalität). Wie der Alttestamentler Robert L. Hubbard Jr. in seinem Kommentar The Book of Ruth (1988) betont, transformiert Boaz die rechtliche Pflicht in einen Akt radikaler Gnade, indem er eine mittellose, ausländische Witwe in die Gemeinschaft aufnimmt.
Theologische und messianische Dimension
Das Buch Rut nutzt das Konzept des Goel, um das Wesen Gottes zu illustrieren. Indem Boaz als menschlicher Löser agiert, spiegelt er das Handeln Gottes wider, der im Alten Testament oft als der eigentliche Goel Israels beschrieben wird – insbesondere bei der Befreiung aus Ägypten (2. Mose 6,6) und im Jesajabuch (z. B. Jesaja 43,1).
Zudem hat das Buch eine fundamentale messianische Dimension. Durch die Einlösung Ruts wird die Linie fortgesetzt, die über König David schließlich zu Jesus führt (Ruth 4,18-22, Matthäus 1,5). Im Neuen Testament wird Jesus Christus als der ultimative Goel gezeichnet, der nicht mit Silber oder Gold, sondern mit seinem eigenen Leben die Menschheit aus der Knechtschaft der Sünde freikauft und in die Familie Gottes eingliedert (vgl. 1. Petrus 1,18-19, Galater 4,4-5).
Das Buch Rut zeigt somit, dass das Gesetz des Goel keine starre Paragrafensammlung war, sondern ein Instrument, um den Schwachen der Gesellschaft Würde, Zukunft und Heimat zurückzugeben.