Welche Handschriften stützen das längere Markusevangelium am Ende von Kapitel 16?
Die Textzeugen, die das längere Ende des Markusevangeliums (Markus 16,9-20) stützen, umfassen die überwältigende Mehrheit der erhaltenen griechischen Handschriften sowie zahlreiche frühe Übersetzungen und patristische Zitate.
Obwohl die ältesten und textkritisch oft am höchsten bewerteten Codices – namentlich Codex Sinaiticus (א) und Codex Vaticanus (B) aus dem 4. Jahrhundert – das Evangelium abrupt mit Markus 16,8 beenden, ist das längere Ende historisch und quantitativ extrem breit bezeugt.
Griechische Majuskeln (Unzialhandschriften)
Eine Reihe bedeutender früher Großbuchstaben-Handschriften enthält die Verse 9–20:
- Codex Alexandrinus (A, 5. Jahrhundert): Ein zentraler Zeuge des alexandrinischen und byzantinischen Texttyps.
- Codex Ephraemi Rescriptus (C, 5. Jahrhundert): Ein wichtiges Palimpsest, das den vollständigen Text des längeren Endes stützt.
- Codex Bezae Cantabrigiensis (D, 5. Jahrhundert): Der Hauptzeuge des sogenannten westlichen Texttyps, der für seine freien Umformungen bekannt ist, aber das längere Ende klar enthält.
- Codex Washingtonianus (W, frühes 5. Jahrhundert): Diese Handschrift enthält nach Vers 14 einen berühmten apokryphen Einschub, das sogenannte Freer-Logion, was zeigt, dass der Text im Grundtext dieser Familie weiterbearbeitet wurde.
- Codex Koridethi (Θ, 9. Jahrhundert): Ein wichtiger Zeuge des kaspischen Raums, der trotz seines späten Datums einen frühen Texttyp repräsentiert.
Griechische Minuskeln und der byzantinische Mehrheitstext
In den späteren Minuskelhandschriften (vom 9. bis zum 15. Jahrhundert), die den sogenannten byzantinischen Reichstext bilden, ist das längere Ende fast lückenlos vertreten. Dazu gehören:
- Familie 13 (f13): Eine Gruppe von Minuskeln, die das längere Ende enthalten.
- Familie 1 (f1): Diese Handschriften (wie Codex 1 und Codex 1582) enthalten die Verse zwar, versehen sie jedoch häufig mit kritischen Randnotizen (Asterisken oder Obeli), die darauf hinweisen, dass die Abschreiber um das Fehlen der Verse in älteren Vorlagen wussten.
Frühe Übersetzungen (Versionen)
Die Verbreitung in den verschiedenen Sprachen des frühen Christentums zeigt, wie tief das längere Ende im kirchlichen Gebrauch verwurzelt war:
- Altlateinische Übersetzungen (Itala): Die Mehrheit der altlateinischen Handschriften (mit Ausnahme des Codex Bobbiensis, der ein kürzeres, alternatives Ende bietet) enthält die Verse.
- Die lateinische Vulgata: Die von Hieronymus um 382 n. Chr. geschaffene Übersetzung enthält die Verse 9–20 standardmäßig.
- Syrische Übersetzungen: Die Peschitta (5. Jahrhundert) und die curetonische syrische Übersetzung (5. Jahrhundert) stützen das längere Ende, während der ältere Codex Sinaiticus Syriacus es auslässt.
- Koptische Übersetzungen: Einige sahidische und bohairische Handschriften enthalten das längere Ende, oft neben dem kürzeren Ende als Doppelüberlieferung.
Patristische Zeugnisse
Das stärkste Argument für ein sehr hohes Alter des längeren Endes liegt in den Schriften der frühen Kirchenväter, die weit vor unseren ältesten erhaltenen Bibel-Codices gelebt haben:
- Irenäus von Lyon (ca. 180 n. Chr.): In seinem Werk Gegen die Häresien (III.10.5) zitiert er ausdrücklich Markus 16,19 und schreibt diesen Satz dem Evangelisten Markus zu. Dies beweist, dass das längere Ende bereits im 2. Jahrhundert im griechischen Grundtext im Umlauf war.
- Tatian (ca. 170 n. Chr.): Er integriert die Verse 9–20 in sein Diatessaron, die älteste bekannte Evangelienharmonie.
- Justin der Märtyrer (ca. 150 n. Chr.): Er deutet in seiner Ersten Apologie (Kapitel 45) Formulierungen an, die stark an Markus 16,20 erinnern.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Während die innere Evidenz (Stil, Vokabular) und die ältesten alexandrinischen Codices gegen die Urheberschaft des Markus für die Verse 9–20 sprechen, ist die äußere handschriftliche Bezeugung für die Existenz und liturgische Verwendung dieses Endes ab dem 2. Jahrhundert überwältigend.