Wie hängen das Paschafest und das Abendmahl theologisch-historisch zusammen?
Die theologische und historische Verbindung zwischen dem jüdischen Paschafest (Pessach) und dem christlichen Abendmahl (Eucharistie) gründet in der Transformation eines Befreiungsrituals: Jesus von Nazaret deutete beim letzten Abendmahl die Symbole des jüdischen Sederabends auf seinen bevorstehenden Tod hin um und setzte sich selbst als das endgültige Paschalamm ein.
Der historische Kontext: Das Pessach zur Zeit Jesu
Zur Zeit des Zweiten Tempels war Pessach ein zentrales Wallfahrtsfest, das an die Befreiung Israels aus der ägyptischen Sklaverei erinnerte (2. Mose 12,1-28). Das Fest bestand im Kern aus dem Schlachten der Lämmer im Tempel und dem anschließenden häuslichen Festmahl (Seder).
Die synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) stellen das letzte Abendmahl explizit als ein Pessachmahl dar (Matthäus 26,17, Markus 14,12, Lukas 22,7). Jesus feiert dieses Mahl im Kreis seiner Jünger am Vorabend seiner Kreuzigung. Das Johannesevangelium hingegen setzt einen leicht verschobenen chronologischen Akzent: Hier stirbt Jesus genau zu dem Zeitpunkt am Kreuz, als die Paschalämmer im Tempel geschlachtet werden (Johannes 19,14, Johannes 19,31). Trotz dieser chronologischen Spannung, die in der neutestamentlichen Forschung intensiv diskutiert wird (vgl. Joachim Jeremias, Die Abendmahlsworte Jesu, 1935), ist die theologische Verknüpfung in beiden Traditionen fundamental.
Linguistische und symbolische Transformation im Grundtext
Im griechischen Grundtext des Neuen Testaments wird die Verbindung durch spezifische Begriffe deutlich:
- *Das Brot (griech. artos): Beim Seder wird ungesäuertes Brot (Mazza, im Grundtext meist azymos*) gebrochen. Es erinnert an die Eile des Aufbruchs aus Ägypten. Jesus bricht dieses Brot und sagt: „Das ist mein Leib“ (Matthäus 26,26). Er deutet das Brot der Bedrängnis um in die Gabe seiner Gegenwart.
- *Der Becher (griech. poterion): Ein traditioneller Sederabend beinhaltet vier Becher Wein. Jesus nimmt wahrscheinlich den dritten Becher, den sogenannten „Becher des Segens“ (nach dem Dankgebet), und bezeichnet ihn als das „Blut des Bundes“ (haima tes diathekes*), das für viele vergossen wird (Markus 14,24). Dies greift direkt die Bundesschließung am Sinai auf (2. Mose 24,8).
- *Das Gedächtnis (griech. anamnesis): Der Befehl „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lukas 22,19, 1. Korinther 11,24) entspricht dem hebräischen Konzept des Sikkaron* (Erinnerung). Im jüdischen Verständnis ist Erinnerung kein bloßes Zurückdenken, sondern eine Vergegenwärtigung: Die feiernde Gemeinschaft wird heute real Teil des damaligen Rettungshandelns Gottes.
Die theologische Neudeutung
Die frühe Kirche verstand den Tod Jesu sofort im Licht der Pascha-Typologie. Der Apostel Paulus formuliert dies prägnant: „Denn auch unser Paschalamm ist geopfert: Christus“ (1. Korinther 5,7).
- Vom Exodus zur kosmischen Befreiung: Während das alttestamentliche Pascha die Befreiung aus der politischen und physischen Sklaverei Ägyptens feiert, befreit das Abendmahl im christlichen Verständnis von den existenziellen Mächten der Sünde und des Todes.
- Der Neue Bund: Das vergossene Blut Jesu stiftet den „neuen Bund“ (Jeremia 31,31-34, Lukas 22,20), der nicht mehr auf Tieropfern basiert, sondern auf der einmaligen Selbsthingabe Christi.
- Eschatologische Dimension: Das Paschafest blickte immer auch voraus auf die messianische Erlösung. Jesus greift diese Hoffnung auf, indem er das Abendmahl mit dem zukünftigen Festmahl im Reich Gottes verknüpft (Markus 14,25).
Konfessionelle Akzente
In der Interpretation dieser Zusammenhänge zeigen sich feine Unterschiede zwischen den Traditionen:
- Evangelisch-lutherisch und Reformiert: Betonen stark das Wortversprechen („für euch gegeben“) und die Befreiung des Gewissens von der Schuld, analog zur Befreiung Israels.
- Römisch-katholisch und Orthodox: Heben den Opfercharakter hervor. Das eucharistische Opfer ist die unblutige Vergegenwärtigung des einmaligen Kreuzesopfers des wahren Paschalamms.